Die Pflege der Eltern – Wenn das Verhältnis zueinander nicht gut ist

Da war bis gerade die Welt noch in Ordnung. So einigermaßen zumindest. Der Kontakt ist eingeschränkt, nur selten hört und sieht man sich.

Wovon ich schreibe? Von der nicht seltenen Situation, dass sich Eltern und Kindern mit den Jahren immer mehr voneinander entfernen, Missverständnisse, Streitigkeiten den Alltag bestimmen. Ja, und häufig sogar Verletzungen so groß sind, dass die Betroffenen kaum miteinander reden. Vielleicht sieht man sich an Familien-Feiertagen wie Geburtstagen oder an Weihnachten, doch beide Seiten sehen diese Zusammenkünfte eher als Pflichtveranstaltung an. Nicht als eine Gelegenheit, gerne Zeit miteinander zu verbringen und sich auf diese Zeit auch noch zu freuen. Eltern und Kinder leben in ihrem eigenen Kosmos, emotional und räumlich weit entfernt vom anderen Teil der Familie.

Und dann geschieht das, von dem wir alle hoffen, dass es niemals eintritt: Ein Elternteil wird pflegebedürftig. Manchmal beginnt es noch einen Schritt vorher: Die Eltern benötigen zur Bewältigung ihres Alltags Unterstützung. Und schon spüren wir in einer solchen Situation die berühmte Faust im Magen. Und Fragen kommen uns in den Sinn. MUSS ich mich jetzt kümmern? Kann das nicht jemand anderes machen? Auch Gedanken wie: „Ja, jetzt bin ich gut genug mich zu kümmern.“ Oder „Haben die Eltern mir geholfen, als ich mal Not hatte, die Kinder zu betreuen?“ Diese und ähnliche Gedanken gehen uns in einer solchen Situation durch den Kopf. Und sicherlich gibt es noch viele mehr.

Wir bleiben immer die Kinder unserer Eltern, egal ob wir selbst Eltern oder auch schon Großeltern sind. Was macht es uns so schwer, die Eltern nun im Rahmen unserer Möglichkeiten zu unterstützen? Oder zu verzeihen, wenn es etwas zu verzeihen gibt?

Die zutiefst verletzte Tochter

Eine meiner Klientinnen, ein sogenanntes Kriegskind, erzählte mir mehr als einmal, dass ihre Mutter ihr sehr häufig direkt oder indirekt zu verstehen gegeben habe, dass sie (die Klientin) nicht erwünscht, nicht gewollt gewesen wäre. Die Mutter sogar mit allen Mitteln der damaligen Zeit versucht habe, die Schwangerschaft zu beenden. Mit sehr kämpferischer, aber genauso verletzter Miene erklärte die Klientin mir dann „Ich war immer schon zäh und hatte Durchhaltevermögen.“ Sie hatte stets, schon als kleines Kind, immer dieses Gefühl, nicht erwünscht zu sein. In jungen Jahren hatte sie mit allen Mitteln versucht, der Mutter zu gefallen, alles zu tun, um die Liebe der Mutter zu gewinnen. Einmal berichtete sie mir unter Tränen, dass ihre Mutter sie das erste Mal in den Arm genommen hatte, als ihre eigene Tochter, das Enkelkind, geboren wurde.

Und dann wurde die Mutter betreuungs- und später pflegebedürftig. Für meine Klientin die größte Herausforderung, die wir uns vorstellen können. Aufgewachsen mit dem Satz, den wahrscheinlich viele kennen – Was sollen denn die anderen denken? – war Sie nun in der Zwickmühle, die richtige Entscheidung zu treffen. Im tiefsten ihres Inneren wollte sie die Mutter nicht unterstützen und schon gar nicht pflegen. Es gingen ihr Gedanken durch den Kopf, für die sie sich selbst schämte. „Soll sie doch sehen, wo sie bleibt.“ Oder „Ich war nie gut genug, dann soll sich doch jetzt jemand anderes kümmern.“

Die all gegenwärtigen Gedanken

Auf der anderen Seite wollte Sie die Fassade nach außen aufrechterhalten. Denn es gab nicht viele Menschen, die von diesem Mutter-Tochter-Konflikt wussten. Und es machte auch etwas mit ihrem Selbstbewusstsein, dieser Gedanke andere wüssten davon. Bei dem Gedanken, es gäbe mehr Menschen, die von diesem Konflikt wüssten, fühlte sie sich noch kleiner, als es sowieso schon der Fall war.

Die nächsten Gedanken, die ihr durch den Kopf gingen, waren eher organisatorischer Natur. Sie selbst war ja auch keine 20 mehr. Nein, im Gegenteil, sie hatte nur noch 2 Jahre bis zur regulären Altersrente. Immer häufiger bemerkte sie, dass ihre körperliche Leistungsfähigkeit nachließ und sie bei weitem nicht mehr so belastbar war, wie früher. Wie also sollte sie nun die zusätzliche Belastung ertragen. Sie sprach tatsächlich von ertragen nicht von stemmen oder bewältigen. Zeitlich wäre es vielleicht kein Problem, für die Mutter z. B. den Wocheneinkauf zu erledigen. Da die beiden nicht weit voneinander entfernt wohnten, eigentlich keine große Herausforderung.

Doch es war dieser gefühlte Druck, es allen recht machen zu müssen, den Schein nach außen zu wahren, der sie antrieb. Die Kommunikation mit der Mutter war meist einsilbig und wenig emotional, klang eher genervt, hart und abweisend. So wie die Mutter mit ihr all die Jahre gesprochen hatte. Und eben so, wie wenn wir etwas erledigen und nicht mit dem Herzen dabei sind, nur Wut, Verletzung, vielleicht sogar Hass fühlen.

Unverhofft

Und dann passierte etwas, mit dem meine Klientin nie gerechnet hatte. Sie hatte mich um einen Termin außer der Reihe gebeten. Es klang sehr dringend. Mit Tränen in den Augen schilderte sie mir von dem letzten Gespräch mit der Mutter. Sie hatte ihre Tochter um Verzeihung gebeten! Um Verzeihung für die Kälte zwischen ihnen, die Lieblosigkeit und fehlende Akzeptanz. Ja und auch für die körperlichen Schläge, die in den Jahren der Kindheit oft noch zur Erziehung dazu gehörten.

Die Mutter versuchte ihr Verhalten nicht zu beschönigen. Vielmehr bemühte sie sich, der Tochter die Umstände von damals, mitten im 2. Weltkrieg zu vermitteln. Der Mann irgendwo im Krieg, sie selbst allein, mit wenig Unterstützung seitens ihrer eigenen Familie. Getrieben vom Willen, einfach nur mit einem kleinen Kind zu überleben. Später so führte die Mutter dann aus, sei sie aus dieser harten Fassade nicht mehr überwinden können.

Sie erklärte ihrer Tochter, wie dankbar sie sei, dass sie sich ihrer annehmen würde und sagte ihr das erste Mal, wie sehr sie sie lieben würde. Meine Klientin saß tränen überströmt auf ihrem Stuhl und konnte es nicht fassen. Und dann Sie war hin- und hergerissen, ob es wohl Berechnung gewesen sei.

Müssen wir unsere Eltern pflegen?

Dieser Satz ist provokativ, gewiss. Diese Geschichte zeigt uns jedoch auf, in welchem Zweispalt wir uns oft befinden, wenn wir in die Situation geraten, dass unsere Eltern dauerhaft Unterstützung und Pflege bedürfen. Es ist eine von vielen Situationen, in denen sich in uns jede Faser unseres Körpers – eigentlich – dagegen sträubt.

Müssen wir unsere Eltern betreuen und pflegen? Ja, es gibt den sogenannten Generationenvertrag. Doch was, wenn die Verletzungen – welcher Art auch immer – durch die Eltern so groß sind, dass das Verhältnis darunter sehr leidet?

Aus meiner Sicht gibt es mehrere Möglichkeiten.

  • Klären Sie für sich, was genau sich in ihnen sperrt, diese Aufgabe zu übernehmen.
  • Worin genau liegen die Verletzungen?
  • Haben Sie jemals mit den Eltern darüber gesprochen, worin genau die Verletzungen für sie liegen und was diese mit Ihnen machen?
  • Gibt es eine Möglichkeit zu verzeihen oder sind die Gräben so tief, dass sie unüberwindbar sind?
  • Kann jemand anderes  Ihnen helfen, dass diese Wunden heilen können?
  • Was erwarten Sie konkret von Ihren Eltern?
  • Welche Aufgaben würden Sie gegebenenfalls abgeben können?
  • Gibt es trotz allem vielleicht Dinge, die Sie in jedem Fall übernehmen möchten? Ich erlebe es bei meinen Klienten oft, dass Sie die Finanzen ungerne Fremden überlassen, wenn die Eltern es selbst nicht mehr regeln können.
  • Haben Sie Geschwister oder anderen Vertrauens-Personen, mit denen Sie sich die Aufgaben teilen können?

In der nächsten Woche erfahren Sie, was Sie tun können, wenn die Pflege der Eltern bei einem guten Verhältnis zueinander auf Sie zukommt.

Herzlichst

Ihre

Britta von der Linden